Das Reiss Motivation Profile: Was uns wirklich antreibt

Das Reiss Motivation Profile: Was uns wirklich antreibt

Reiss Motivation Profile

Wir können uns bewusst Ziele setzen und mit Willenskraft darauf hinarbeiten.
Doch was treibt uns innerlich wirklich an?
Was gibt uns Energie?
Was macht uns zufrieden und
warum erleben Menschen dieselbe Situation so unterschiedlich?

Genau hier setzt das Reiss Motivation Profile an. Es richtet den Blick auf unsere grundlegenden psychologischen Bedürfnisse; auf das, was gewissermaßen „unter der Oberfläche“ liegt und unser persönliches Warum mitprägt.

Der Blogbeitrag gliedert sich wie folgt auf:

  1. Was treibt uns wirklich an?
  2. Steven Reiss und die Entstehung des Reiss Motivation Profile
  3. Was misst das Reiss Motivation Profile – und was nicht?
  4. Individualität und Intensität
  5. Die 16 Lebensmotive im Überblick
  6. Was Motivkombinationen über unser Erleben erklären können
  7. Zusammenfassung
  8. Abschluss mit Video

Ich wünsche gute Inspiration!

Was treibt uns wirklich an?

Was treibt uns an - Zwei Person in der gleiche Situation

Kennen Sie solche Situationen?

Sie planen mit Ihrer Familie den nächsten Urlaub. Vielleicht haben Sie bereits erste Ziele recherchiert, Routen verglichen und möchten der Familie einen konkreten Vorschlag als Diskussionsgrundlage präsentieren. Ihre Partnerin oder Ihre Kinder gehen ganz anders an die Sache heran: Sie möchten sich gemeinsam an einen Tisch setzen, Ideen sammeln, Möglichkeiten besprechen und die Entscheidung Schritt für Schritt miteinander entwickeln. Schon hier zeigen sich unterschiedliche Bedürfnisse – etwa nach Eigenständigkeit oder Verbundenheit, nach Entscheidungsfreiheit oder gemeinsamer Abstimmung.

Ist das Urlaubsziel schließlich gefunden, treten die nächsten Unterschiede zutage. Während ein Familienmitglied am liebsten spontan entscheidet, was der Tag bringt, möchte ein anderes bereits am Vorabend wissen, wann es losgeht, was unternommen wird und wo gegessen werden soll. Der eine empfindet einen detaillierten Tagesplan als angenehm und entlastend, der andere fühlt sich dadurch schnell eingeengt. Hier treffen beispielsweise unterschiedliche Bedürfnisse nach Struktur und Flexibilität aufeinander.

Vielleicht zeigt sich an anderer Stelle noch etwas ganz anderes: Eine Person möchte möglichst viel sehen, Neues entdecken und Hintergründe erfahren. Eine andere sagt nach dem dritten Museum: „Jetzt reicht es – ich möchte einfach an den Strand.“ Der eine gewinnt Energie aus Neugier und geistiger Anregung, der andere stärker aus Entspannung, Genuss oder körperlichem Erleben.

Solche Unterschiede begegnen uns natürlich nicht nur im privaten Leben. Auch im beruflichen Alltag erleben wir Menschen, die gerne Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen und Einfluss nehmen – und andere, die sich wohler fühlen, wenn sie ihren eigenen Aufgabenbereich zuverlässig bearbeiten können, ohne ständig steuern oder führen zu müssen. Manche suchen den intensiven Austausch im Team, andere brauchen Phasen des Rückzugs, um konzentriert und leistungsfähig zu bleiben. Und während für die einen Anerkennung und positives Feedback eine wichtige Kraftquelle darstellen, orientieren sich andere stärker an der eigenen Einschätzung ihrer Leistung.

Hinter solchen Unterschieden stehen unter anderem unsere psychologischen Grundbedürfnisse. Sie beeinflussen, was uns wichtig ist, wonach wir immer wieder streben und unter welchen Bedingungen wir Zufriedenheit und Sinn erleben.

Genau hier setzt das Reiss Motivation Profile an. Es versucht sichtbar zu machen, welche grundlegenden Lebensmotive bei einem Menschen besonders stark oder weniger stark ausgeprägt sind.

Steven Reiss und die Entstehung des Reiss Motivation Profile

Wer war Steven Reiss?

Hinter dem Reiss Motivation Profile steht der US-amerikanische Psychologe Steven Reiss (1947 – 2016). Er war Professor für Psychologie und Psychiatrie an der Ohio State University und leitete dort viele Jahre das Nisonger Center, ein universitäres Zentrum, das sich mit Forschung, Lehre und Unterstützung im Bereich geistiger und entwicklungsbezogener Beeinträchtigungen beschäftigt. Reiss war damit keineswegs ausschließlich Motivationsforscher. Zu seinen wissenschaftlichen Arbeiten gehört beispielsweise auch der von ihm mitentwickelte Anxiety Sensitivity Index, ein international eingesetztes Verfahren zur Erforschung von Angstsensitivität.

Im Zentrum seiner späteren Motivationsforschung stand eine grundlegende Frage:

Was wollen Menschen im Kern – nicht als Mittel zu einem anderen Zweck, sondern um seiner selbst willen?

Reiss unterschied dabei zwischen instrumentellen Zielen und grundlegenden „Endzielen“. Ein höheres Einkommen kann beispielsweise angestrebt werden, um sich mehr Sicherheit, Status oder Unabhängigkeit zu ermöglichen. Das Einkommen wäre dann Mittel zum Zweck – das dahinterliegende Bedürfnis das eigentliche Motiv. Diese Unterscheidung spielt in seiner Theorie eine zentrale Rolle.

Von vielen Motiven über eine empirische Untersuchung zu den 16 Lebensmotiven

Wie aus Forschung 16 Lebensmotive entstanden

Nicht erdacht, sondern empirisch ermittelt

Genau dieser Forschungsansatz ist für das Verständnis des RMP wichtig. Reiss entwickelte nicht zunächst ein theoretisches Modell und legte anschließend fest, welche Motive Menschen besitzen müssten. Stattdessen sammelte er gemeinsam mit seinem Forschungsteam zunächst eine große Zahl möglicher menschlicher Motive und Ziele. Aus ursprünglich fast 500 Aussagen entstand ein umfangreicher Fragebogen. Anschließend wurde untersucht, welche dieser Aussagen statistisch miteinander zusammenhängen und sich zu eigenständigen Motivdimensionen bündeln lassen. Dafür nutzte Reiss insbesondere die Faktorenanalyse, ein statistisches Verfahren, mit dem hinter vielen einzelnen Antworten gemeinsame Strukturen sichtbar gemacht werden können.

 

Die empirische Grundlage wurde anschließend mehrfach überprüft. Die Lebensmotive beruhen auf sieben faktorenanalytischen Studien mit insgesamt 2.548 Versuchspersonen; in zwei weiteren Studien wurde die Faktorenstruktur mit zusätzlichen Stichproben überprüft. Damit wurde das Modell im Rahmen von insgesamt neun Studien untersucht.

Warum gerade 16 Motive?

Aus diesen Untersuchungen kristallisierten sich schließlich 16 grundlegende Lebensmotive heraus:

Macht, Unabhängigkeit, Neugier, Anerkennung, Ordnung, Sparen, Ehre, Idealismus, Beziehungen, Familie, Status, Rache, Schönheit, Essen, körperliche Aktivität und Ruhe.

Reiss verstand sie als grundlegende menschliche Bedürfnisse beziehungsweise Ziele, die grundsätzlich bei allen Menschen vorhanden sind.

Was uns voneinander unterscheidet, ist daher weniger die Frage, ob wir ein bestimmtes Lebensmotiv besitzen, sondern wie stark dieses bei uns ausgeprägt ist und welche Bedeutung seine Befriedigung für unser persönliches Wohlbefinden besitzt.

Damit entsteht keine Einteilung in 16 Menschentypen. Im Gegenteil: Erst die individuelle Kombination und Intensität der 16 Lebensmotive macht ein persönliches Motivprofil aus.

Im nachfolgenden Kapitel gehe ich etwas stärker darauf ein, was das Reiss Motivation Profile jetzt eigentlich misst und was sich daraus ableiten lässt.

Was misst das Reiss Motivation Profile - und was nicht?

Das Reiss Motivation Profile erfasst die individuelle Ausprägung von 16 grundlegenden Lebensmotiven: Was ist einem Menschen besonders wichtig? Wonach strebt er immer wieder? Welche Bedingungen können ihm Energie geben – und welche auf Dauer eher Kraft kosten?

Die nebenstehende Zwiebelmetapher hilft, diese Ebene einzuordnen. Nach außen sichtbar sind zunächst Wirkung und Wahrnehmung. Darunter liegen Verhalten und Kompetenzen. Noch tiefer finden sich Werte – und im Kern die Lebensmotive, also die grundlegenden inneren Antreiber.

Das RMP setzt damit auf der Ebene des Warum an. Es beschreibt nicht die gesamte Persönlichkeit eines Menschen und erklärt auch nicht unmittelbar, wie sich jemand in einer konkreten Situation verhalten wird. Genau deshalb ist die Unterscheidung wichtig: Motive, Werte, Verhalten und Kompetenzen sind unterschiedliche Ebenen – und das RMP betrachtet vor allem die tiefste davon.

Lebensmotive als innere Antreiber

Steven Reiss ging davon aus, dass die Lebensmotive unser Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Handeln mit beeinflussen. Sie geben Hinweise darauf, welche grundlegenden Bedürfnisse wir immer wieder befriedigen möchten. Das Besondere liegt dabei nicht darin, welche Motive ein Mensch besitzt – grundsätzlich sind alle 16 bei jedem Menschen vorhanden –, sondern darin, wie stark sie jeweils ausgeprägt sind.

Ein stark ausgeprägtes Lebensmotiv kann dabei zu einer persönlichen Kraftquelle werden, wenn die Lebens- und Arbeitsbedingungen ausreichend Möglichkeiten bieten, dieses Bedürfnis zu leben. Umgekehrt kann es auf Dauer anstrengend werden, wenn zentrale Bedürfnisse immer wieder zurückgestellt werden müssen.

Wichtig ist allerdings: Lebensmotive sind keine direkten Verhaltensanweisungen. Zwei Menschen können beispielsweise beide ein starkes Bedürfnis nach Unabhängigkeit besitzen und dieses dennoch völlig unterschiedlich leben. Der eine entscheidet sich für eine berufliche Selbstständigkeit, der andere benötigt innerhalb einer Festanstellung vor allem einen klar abgegrenzten Verantwortungsbereich. Das RMP beschreibt also eher das Warum hinter einem Streben als dessen konkrete Umsetzung.

Motivation und Volition: "Bauch" und "Kopf"

Hilfreich ist an dieser Stelle die Unterscheidung zwischen Motivation und Volition.

Volition bezeichnet vereinfacht die Willenskraft, mit der wir bewusst gesetzte Ziele verfolgen. Diese Ziele entstehen häufig aus Überlegungen heraus: Was sollte ich tun? Was wäre vernünftig? Was möchte ich erreichen?

Die Lebensmotive liegen eine Ebene darunter. Sie beschreiben weniger das bewusst formulierte Ziel als das grundlegende Bedürfnis, das einem Ziel Bedeutung geben kann. Vereinfacht lässt sich deshalb von „Kopf“ und „Bauch“ sprechen: Der Kopf kann sich etwas vornehmen, während die eigenen Motive dieses Ziel mehr oder weniger stark unterstützen.

Ein Beispiel: Eine berufliche Beförderung kann für unterschiedliche Menschen aus völlig verschiedenen Gründen attraktiv sein. Eine Person möchte dadurch mehr gestalten und entscheiden können, eine andere sucht möglicherweise das damit verbundene Ansehen, eine dritte vor allem größere finanzielle Unabhängigkeit. Das sichtbare Ziel ist dasselbe – die dahinterliegenden Motive können sich erheblich unterscheiden.

Besonders günstig ist es, wenn bewusste Ziele und persönliche Motive gut zueinander passen. Dann müssen wir uns für bestimmte Aktivitäten möglicherweise weniger „überreden“. Umgekehrt können Ziele durchaus sinnvoll und wichtig sein, obwohl sie nicht unmittelbar durch unsere stärksten Motive getragen werden. Dann ist häufig mehr bewusste Selbststeuerung erforderlich.

Was das RMP nicht misst

So interessant der Blick auf Lebensmotive ist: Das RMP bildet nur eine Facette der Persönlichkeit ab. Genau diese Begrenzung ist für eine seriöse Interpretation entscheidend.

Kein Kompetenztest! Das RMP ist insbesondere kein Kompetenztest. Ein starkes Machtmotiv bedeutet beispielsweise, dass Einfluss, Verantwortung oder Gestaltung attraktiv sein können. Es sagt aber noch nicht, ob jemand tatsächlich gut führen, Entscheidungen treffen oder andere Menschen überzeugen kann. Motivation und Können sind zwei unterschiedliche Dinge.

Kein klassischer Verhaltenstest! Ebenso ist das RMP kein klassischer Verhaltenstest. Verhalten beschreibt, wie sich ein Mensch in einer konkreten Situation tatsächlich verhält. Dieses Verhalten wird nicht nur durch Motive beeinflusst, sondern beispielsweise auch durch Erfahrungen, erlernte Strategien, Rollenanforderungen und den jeweiligen Kontext.

Kein Wertemodell! Auch ein eigenständiges Wertemodell ersetzt das RMP nicht. Werte betreffen stärker die Frage, was wir als richtig, wichtig oder erstrebenswert beurteilen. Lebensmotive, Werte, Verhaltenspräferenzen und Kompetenzen sind auf unterschiedlicher Ebene zu betrachten.

Individualität und Intensität

Das Reiss Motivation Profile wie ein individueller Fingerabdruck

Die 16 Lebensmotive sind grundsätzlich bei allen Menschen vorhanden. Individuell wird das Profil dadurch, welche Bedeutung wir den einzelnen Motiven beimessen und wie stark wir ihre Befriedigung benötigen. Genau diese unterschiedlichen Prioritäten stehen im Mittelpunkt des Reiss Motivation Profile.

Das persönliche Motivprofil als individueller "Fingerabdruck"

Ein einzelnes Lebensmotiv sagt über einen Menschen zunächst nur begrenzt etwas aus. Erst das Zusammenspiel aller 16 Motive ergibt ein differenziertes Gesamtbild.

So können zwei Menschen beispielsweise beide ein stark ausgeprägtes Bedürfnis nach Unabhängigkeit besitzen und sich dennoch deutlich unterscheiden. Für den einen trifft die hohe Unabhängigkeit vielleicht auf ein ebenso starkes Bedürfnis nach Macht und Neugier. Beim anderen verbindet sie sich mit einem geringen Machtmotiv und einem hohen Bedürfnis nach Ruhe. Obwohl beide Eigenständigkeit schätzen, können daraus völlig unterschiedliche Vorstellungen vom passenden Leben und Arbeiten entstehen.

Genau darin liegt die Individualität des RMP: Es ordnet Menschen nicht wenigen festen Persönlichkeitstypen zu. Stattdessen entsteht aus der Kombination der 16 Motivausprägungen ein individuelles Motivprofil – gewissermaßen ein motivationaler Fingerabdruck. Reiss bezeichnete diese unterschiedliche Gewichtung grundlegender Bedürfnisse als motivational priorities: Alle Menschen kennen die grundlegenden Bedürfnisse, unterscheiden sich aber darin, welchen Stellenwert sie ihnen geben.

Entscheidend ist die Intensität

Beim RMP geht es deshalb nicht um die Frage: „Habe ich dieses Bedürfnis – ja oder nein?“ Entscheidend ist vielmehr: „Wie stark brauche ich davon?“

Nehmen wir das Lebensmotiv Ordnung. Grundsätzlich benötigen wir alle sowohl Struktur als auch Flexibilität. Manche Menschen brauchen jedoch deutlich mehr Planung, Verlässlichkeit und klare Abläufe als andere. Andere fühlen sich besonders wohl, wenn sie spontan reagieren können und genügend Spielraum besitzen. Wieder andere bewegen sich relativ flexibel zwischen beiden Seiten.

Das RMP stellt diese Unterschiede auf einer standardisierten Skala von –2 bis +2 dar. Werte im mittleren Bereich werden orange dargestellt, eine starke Ausprägung des jeweiligen Lebensmotivs dunkelblau und eine geringe Ausprägung hellblau. Dabei handelt es sich ausdrücklich nicht um eine Bewertung: Ein hoher Wert ist nicht besser als ein niedriger und ein durchschnittlicher Wert nicht „gesünder“ als eine ausgeprägte Position. Die Farben zeigen lediglich unterschiedliche Intensitäten eines Bedürfnisses.

Entscheidend ist zudem, dass die Werte im Vergleich zu einer Normgruppe interpretiert werden. Vereinfacht gesagt: Je weiter ein Wert von der Mitte entfernt liegt, desto stärker unterscheidet sich die betreffende Motivpriorität von der vieler anderer Menschen.

Die Verteilung wird dabei in drei Bereiche gegliedert:

  • Rund 60 Prozentliegen bei einem Lebensmotiv im durchschnittlichen Bereich.
  • Etwa 20 Prozentzeigen eine vergleichsweise starke Ausprägung.
  • Etwa 20 Prozenteine vergleichsweise geringe Ausprägung.

Die Grenze zwischen dem durchschnittlichen und einem deutlich ausgeprägten Bereich liegt bei ungefähr ±0,84.

Eine mittlere Ausprägung bedeutet dabei keineswegs, dass das betreffende Motiv unwichtig wäre. Vielmehr besteht keine starke Präferenz für eine Seite. Je nach Situation und Kontext kann deshalb einmal das eine und einmal das andere Bedürfnis stärker in den Vordergrund treten. Reiss beschreibt beispielsweise, dass Menschen mit einer durchschnittlichen Ausprägung beim Bedürfnis nach sozialem Kontakt sowohl Gemeinschaft als auch zeitweiligen Rückzug genießen können.

Die Vergleichsbasis des RMP wurde im Laufe der Jahre mehrfach erweitert. Für die Renormierung 2022 wurden nach Angaben von RMP Germany Daten von 135.807 Testpersonen aus 159 Ländern ausgewertet. Dabei werden unter anderem Länder- und teilweise Geschlechternormen berücksichtigt.

Die 16 Lebensmotive im Überblick

Die 16 Lebensmotive beschreiben grundlegende Bedürfnisse, die bei allen Menschen vorhanden sind – allerdings in unterschiedlicher Intensität.

Bei den meisten Lebensmotiven lassen sich dabei zwei unterschiedliche Pole beschreiben. Eine geringe Ausprägung bedeutet also nicht automatisch „weniger“, sondern verweist häufig auf ein anderes Bedürfnis am gegenüberliegenden Ende der Skala.

Beide Seiten haben ihre Stärken. Und beide Seiten können, je nach Situation, auch zu Missverständnissen oder Spannungen führen.

Die nachfolgenden Beschreibungen konzentrieren sich deshalb bewusst auf typische Tendenzen und nicht auf starre Persönlichkeitsmerkmale.

Einfluss, Selbstbestimmung und Erkenntnis

Macht

Das Lebensmotiv Macht beschreibt, wie stark ein Mensch das Bedürfnis hat, Einfluss zu nehmen, Wirkung zu erzielen und Verantwortung zu übernehmen.

Menschen mit einer starken Ausprägung möchten Dinge häufig aktiv gestalten. Sie übernehmen eher Verantwortung, vertreten ihre Vorstellungen und empfinden es als befriedigend, wenn sie etwas bewirken können. Situationen, in denen sie keinen Einfluss haben oder sich ausgeliefert fühlen, können dagegen besonders belastend sein. Typisch ist daher ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Wirksamkeit und Gestaltungsmöglichkeit.

Bei einer geringen Ausprägung steht weniger das eigene Durchsetzen im Vordergrund. Diese Menschen können andere eher „machen lassen“, geben ihnen Raum und empfinden es häufig als angenehm, nicht ständig steuern oder Verantwortung für andere übernehmen zu müssen. Druck, starke Erwartungen oder die Aufforderung, sich unbedingt durchzusetzen, können für sie eher belastend sein. Sie wirken häufig gelassen, geduldig und wenig direktiv.

Mögliche Missverständnisse: Menschen mit einem starken Machtmotiv erleben zurückhaltendere Personen möglicherweise als zu wenig ambitioniert oder entscheidungsfreudig. Umgekehrt kann ein starkes Bedürfnis nach Einfluss schnell als dominant oder kontrollierend wahrgenommen werden.

Unabhängigkeit

Das Lebensmotiv Unabhängigkeit beschreibt, wie stark ein Mensch das Bedürfnis nach Selbstständigkeit, persönlicher Freiheit und Eigenständigkeit hat.

Menschen mit einer starken Ausprägung möchten möglichst selbstbestimmt handeln und Entscheidungen eigenständig treffen. Sie schätzen Freiräume, verlassen sich gerne auf sich selbst und empfinden Abhängigkeit oder zu starke Einbindung schnell als einengend. Typisch ist daher ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Autonomie und individueller Freiheit.

Bei einer geringen Ausprägung spielen dagegen Zugehörigkeit, Verbundenheit und gegenseitige Abhängigkeit eine größere Rolle. Diese Menschen stimmen sich gerne mit anderen ab, erleben Gemeinschaft als bereichernd und müssen nicht alles alleine entscheiden oder bewältigen. Einsamkeit oder fehlende Einbindung können für sie stärker belastend sein.

Mögliche Missverständnisse: Menschen mit einer starken Unabhängigkeit können auf andere distanziert oder eigensinnig wirken. Umgekehrt kann ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Verbundenheit von sehr unabhängigen Menschen vorschnell als Unselbstständigkeit interpretiert werden.

Neugier

Das Lebensmotiv Neugier beschreibt, wie stark ein Mensch das Bedürfnis hat, nachzudenken, Zusammenhänge zu verstehen und sich mit Wissen und Ideen auseinanderzusetzen.

Menschen mit einer starken Ausprägung beschäftigen sich gerne intensiv mit Themen, analysieren, hinterfragen und möchten Dingen auf den Grund gehen. Geistige Anregung, neue Erkenntnisse und intellektuelle Herausforderungen können für sie wichtige Kraftquellen sein.

Bei einer geringen Ausprägung steht stärker das praktische Tun im Vordergrund. Diese Menschen möchten eher ins Handeln kommen, Dinge ausprobieren und einen konkreten Nutzen erkennen. Ausführliches Nachdenken oder theoretische Beschäftigung ohne erkennbaren Praxisbezug kann auf sie schnell unnötig oder ermüdend wirken.

Mögliche Missverständnisse: Menschen mit starker Neugier können auf andere verkopft oder kompliziert wirken. Umgekehrt werden praxisorientierte Menschen mitunter vorschnell als wenig interessiert oder oberflächlich wahrgenommen – obwohl sie Wissen lediglich stärker an seiner unmittelbaren Anwendbarkeit messen.

Anerkennung

Das Lebensmotiv Anerkennung beschreibt, wie stark ein Mensch das Bedürfnis nach Bestätigung, Akzeptanz und positiver Rückmeldung durch andere hat.

Menschen mit einer starken Ausprägung reagieren häufig sensibler auf Kritik, Zurückweisung oder Misserfolg. Ermutigung, Zuspruch und das Gefühl, angenommen zu sein, können ihnen Sicherheit geben.

Bei einer geringen Ausprägung orientieren sich Menschen stärker an der eigenen Einschätzung und lassen sich durch Kritik oder fehlende Bestätigung meist weniger verunsichern.

Mögliche Missverständnisse: Menschen mit starkem Anerkennungsmotiv können auf andere schnell unsicher, empfindlich oder zu abhängig von Rückmeldungen wirken. Umgekehrt können Menschen mit geringer Ausprägung als übermäßig selbstsicher, wenig kritikempfänglich oder emotional distanziert wahrgenommen werden. Dabei handelt es sich zunächst um unterschiedliche Bedürfnisse im Umgang mit Bestätigung, Kritik und Zurückweisung.

Struktur, Besitz, Prinzipien und Gerechtigkeit

Ordnung

Das Lebensmotiv Ordnung beschreibt, wie stark ein Mensch das Bedürfnis nach Struktur, Planung und verlässlichen Abläufen hat.

Menschen mit einer starken Ausprägung organisieren und planen gerne, schätzen klare Rahmenbedingungen und gehen Aufgaben häufig systematisch und detailorientiert an. Spontane Änderungen, Unübersichtlichkeit oder fehlende Vorbereitung können sie dagegen eher belasten. 

Bei einer geringen Ausprägung stehen Flexibilität, Spontaneität und Improvisation stärker im Vordergrund. Diese Menschen können gut mit offenen oder unklaren Situationen umgehen und empfinden zu viele Regeln, feste Pläne oder detaillierte Vorgaben eher als einengend. 

Mögliche Missverständnisse: Menschen mit starkem Ordnungsmotiv können auf andere pedantisch oder unflexibel wirken. Umgekehrt werden Menschen mit geringer Ausprägung schnell als chaotisch oder schlecht organisiert wahrgenommen – obwohl sie häufig schlicht stärker auf das Wesentliche fokussieren und situativ reagieren.

Sparen

Das Lebensmotiv Sparen beschreibt, wie stark ein Mensch das Bedürfnis hat, Dinge zu bewahren, zu sammeln und mit vorhandenen Ressourcen bewusst umzugehen.

Menschen mit einer starken Ausprägung trennen sich häufig nur ungern von Dingen, die für sie noch einen Wert besitzen könnten. Sie sammeln, bewahren und achten eher darauf, Verschwendung zu vermeiden. Maßhalten und ein sorgsamer Umgang mit Besitz oder Ressourcen können ihnen ein gutes Gefühl geben; unnötige Verschwendung oder Maßlosigkeit dagegen Frustration auslösen.

Bei einer geringen Ausprägung fällt es Menschen meist leichter, Überflüssiges wegzugeben oder sich von Dingen zu trennen. Sie können großzügiger mit Besitz und Ressourcen umgehen und empfinden das Bewahren oder Sammeln weniger stark als persönliches Bedürfnis.

Mögliche Missverständnisse: Menschen mit starkem Sparmotiv können auf andere geizig oder übermäßig besitzorientiert wirken. Umgekehrt werden Menschen mit geringer Ausprägung möglicherweise als verschwenderisch wahrgenommen, obwohl sie Besitz schlicht weniger Bedeutung beimessen.

Ehre

Beim Lebensmotiv Ehre geht es um die Frage, wie stark sich ein Mensch an moralischen Prinzipien, Loyalität und persönlicher Integrität orientiert.

Ist Ehre stark ausgeprägt, haben eigene Grundsätze häufig einen hohen Stellenwert. Menschen möchten sich selbst treu bleiben, moralische Regeln einhalten und loyal handeln. Werden solche Prinzipien verletzt, kann dies mit einem ausgeprägten Schuldgefühl verbunden sein. Typisch ist der Wunsch, aufrichtig und prinzipientreu zu handeln – auch dann, wenn dies nicht immer der bequemste Weg ist.

Eine geringe Ausprägung bedeutet dagegen eine stärkere Zweck- und Ergebnisorientierung. Entscheidungen werden eher danach getroffen, was in der jeweiligen Situation sinnvoll und vorteilhaft erscheint. Starre Prinzipien können als unnötige Einschränkung erlebt werden; wichtiger ist, pragmatisch zu einer guten Lösung zu kommen.

Hier liegt auch viel Potenzial für gegenseitige Irritationen: Ein stark prinzipienorientierter Mensch kann sein Gegenüber schnell als opportunistisch oder wenig loyal erleben. Umgekehrt kann eine konsequente Orientierung an Regeln und Grundsätzen auf pragmatischere Menschen starr, moralisch oder wenig situationsgerecht wirken.

Idealismus

Das Lebensmotiv Idealismus beschreibt, wie stark ein Mensch das Bedürfnis verspürt, soziale Gerechtigkeit zu fördern, anderen zu helfen und die Welt ein Stück besser zu machen.

Menschen mit einer starken Ausprägung reagieren häufig sensibel auf Ungerechtigkeit und möchten einen Beitrag leisten, der über den eigenen Vorteil hinausgeht. Mitgefühl, Humanität und altruistisches Handeln können für sie wichtige Leitmotive sein. Erleben sie dagegen Situationen, in denen sie nicht helfen oder etwas verändern können, kann dies als belastend oder sogar hilflos machend empfunden werden.

Bei einer geringen Ausprägung steht eher ein pragmatischer und sachlicher Blick im Vordergrund. Soziale Themen werden weniger stark emotional aufgeladen; persönliche Verantwortung und konkrete Lösungen können wichtiger sein als der Wunsch, gesellschaftliche Verhältnisse grundsätzlich zu verändern.

Mögliche Missverständnisse: Stark idealistische Menschen können auf pragmatischere Personen schnell naiv oder weltfremd wirken. Umgekehrt werden Menschen mit geringer Ausprägung möglicherweise als wenig mitfühlend oder unsolidarisch wahrgenommen – obwohl sie Probleme schlicht nüchterner und weniger emotional betrachten.

Nähe, Fürsorge, Ansehen und Wettbewerb

Beziehungen

Das Lebensmotiv Beziehungen beschreibt, wie stark ein Mensch das Bedürfnis nach sozialem Kontakt, Freundschaft und Zugehörigkeit hat.

Menschen mit einer starken Ausprägung suchen häufig aktiv den Austausch mit anderen, knüpfen gerne Kontakte und erleben Gemeinschaft als wichtige Kraftquelle. Ausschluss oder das Gefühl, nicht dazuzugehören, kann sie entsprechend stärker belasten.

Bei einer geringen Ausprägung besteht dagegen ein stärkeres Bedürfnis nach Rückzug und sozialer Eigenständigkeit. Diese Menschen kommen gut mit sich selbst zurecht und benötigen deutlich weniger Kontakt, um sich wohlzufühlen.

Ein Beispiel: Während die eine Person nach einem langen Arbeitstag gerne noch mit Kolleginnen und Kollegen zusammensitzt, empfindet eine andere genau diesen zusätzlichen Austausch eher als anstrengend und freut sich auf Ruhe für sich.

Mögliche Missverständnisse: Kontaktfreudige Menschen können auf zurückhaltendere Personen schnell distanziert oder desinteressiert wirken. Umgekehrt werden sehr gesellige Menschen mitunter als aufdringlich oder permanent kontaktbedürftig wahrgenommen.

Familie

Das Lebensmotiv Familie beschreibt, wie stark ein Mensch das Bedürfnis nach Fürsorge, familiärer Nähe und insbesondere nach Verantwortung für Kinder hat.

Menschen mit einer starken Ausprägung erleben Familie häufig als zentralen Lebensbereich. Sich um Kinder zu kümmern, sie zu begleiten und Verantwortung für ihr Wohlergehen zu übernehmen, kann für sie eine wichtige Quelle von Sinn und Verbundenheit sein. Unerfüllte Familienwünsche oder das Gefühl, familiären Aufgaben nicht gerecht werden zu können, können entsprechend stark belasten.

Bei einer geringen Ausprägung ist das Bedürfnis nach Betreuung und Fürsorge deutlich schwächer. Eigene Freiräume und Unabhängigkeit von familiären Verpflichtungen können wichtiger sein. Das kann sich sehr deutlich in der Lebensplanung zeigen: Für die eine Person ist ein Leben mit Kindern kaum vorstellbar, für eine andere ein Leben ohne Kinder vollkommen stimmig.

Mögliche Missverständnisse: Menschen mit einem starken Familienmotiv können manchmal schwer nachvollziehen, warum familiäre Bindung oder Kinder für andere keinen vergleichbar hohen Stellenwert haben. Umgekehrt kann eine sehr starke Ausrichtung auf Familie von Menschen mit geringerer Ausprägung als einschränkend oder wenig passend zur eigenen Lebensgestaltung erlebt werden.

Status

Das Lebensmotiv Status beschreibt, wie wichtig einem Menschen Ansehen, Prestige und gesellschaftliche Stellung sind.

Bei einer starken Ausprägung spielen ein guter Ruf, sichtbare Erfolge, Titel, besondere Zugehörigkeiten oder hochwertige Dinge häufig eine größere Rolle. Menschen möchten als besonders oder bedeutsam wahrgenommen werden. 

Bei einer geringen Ausprägung stehen eher Bescheidenheit, Bodenständigkeit und Gleichheit im Vordergrund. Prestige, Marken, Titel oder formale Hierarchien beeindrucken deutlich weniger; Funktionalität und ein unkomplizierter Umgang sind häufig wichtiger. 

Mögliche Missverständnisse: Menschen mit starkem Statusmotiv können schnell als angeberisch oder elitär wahrgenommen werden. Umgekehrt kann eine geringe Statusorientierung auf andere wenig ambitioniert oder unangemessen leger wirken. 

Rache

Das Lebensmotiv Rache ist sprachlich zunächst etwas missverständlich. Gemeint ist damit nicht, dass jemand „rachsüchtig“ sein muss. Vielmehr beschreibt das Motiv, wie stark ein Mensch nach Wettbewerb, Durchsetzung, Revanche und dem Gefühl des Triumphs strebt.

Menschen mit einer starken Ausprägung suchen eher die Auseinandersetzung, wollen sich behaupten und empfinden Wettbewerb häufig als anregend. Niederlagen oder erlebte Ungerechtigkeit können den Wunsch auslösen, es beim nächsten Mal besser zu machen, „zurückzuschlagen“ oder wieder die Oberhand zu gewinnen. Konflikte werden daher eher aktiv ausgetragen.

Bei einer geringen Ausprägung stehen dagegen Frieden, Harmonie und Versöhnung stärker im Vordergrund. Diese Menschen möchten Spannungen eher abbauen, Konflikte vermeiden oder zu einem Ausgleich kommen. Offene Konkurrenz oder konfrontative Situationen können sie stärker belasten.

Mögliche Missverständnisse: Menschen mit starkem Rachemotiv können auf andere kämpferisch, streitlustig oder aggressiv wirken. Umgekehrt kann eine geringe Ausprägung vorschnell als mangelnde Durchsetzungsfähigkeit interpretiert werden, obwohl dahinter häufig schlicht ein stärkeres Bedürfnis nach Harmonie und Einvernehmen steht.

Ästhetik, Genuss, Bewegung und Sicherheit

Schönheit

Das Lebensmotiv Schönheit beschreibt, wie stark ein Mensch das Bedürfnis nach Ästhetik, Sinnlichkeit und einer als schön empfundenen Umgebung hat.

Menschen mit einer starken Ausprägung reagieren häufig sensibel auf Gestaltung, Atmosphäre und ästhetische Details. Farben, Formen, Materialien oder ein stimmiges Umfeld können ihr Wohlbefinden deutlich beeinflussen.

Bei einer geringen Ausprägung stehen eher Zweckmäßigkeit und Praktikabilität im Vordergrund. Dinge müssen vor allem funktionieren; Gestaltung und Ästhetik spielen eine geringere Rolle.

Anders als bei den zuvor vorgestellten Lebensmotiven handelt es sich hier nicht um zwei gleichwertige Gegenpole: Eine geringe Ausprägung bedeutet nicht, dass jemand ein starkes Bedürfnis nach „Unschönheit“ oder einer unästhetischen Umgebung hat. Ästhetik, Design und sinnliche Eindrücke besitzen für diese Person schlicht eine geringere motivationale Bedeutung.

Wie wichtig sind Ihnen Design, Ästhetik und Atmosphäre? Macht es für Ihr Wohlbefinden einen Unterschied, ob ein Raum schön und stimmig gestaltet ist – oder zählt für Sie in erster Linie, dass er praktisch funktioniert?

Essen

Das Lebensmotiv Essen beschreibt, welche Bedeutung Nahrungsaufnahme und kulinarischer Genuss für einen Menschen haben.

Menschen mit einer starken Ausprägung beschäftigen sich häufig gerne mit Essen, freuen sich auf Mahlzeiten und genießen Geschmack, Vielfalt und kulinarische Erlebnisse. Essen ist für sie mehr als reine Nahrungsaufnahme – es kann Genuss, Beschäftigung und ein wichtiger Bestandteil des Alltags sein.

Bei einer geringen Ausprägung nimmt Essen deutlich weniger Raum ein. Wichtig ist eher, unkompliziert und ausreichend satt zu werden; die intensive Beschäftigung mit Mahlzeiten, Zutaten oder kulinarischer Vielfalt kann eher lästig wirken.

Und auch bei diesem Lebensmotiv handelt es sich nicht um zwei gleichwertige Gegenpole: Eine geringe Ausprägung bedeutet nicht, dass jemand ein starkes Bedürfnis nach „Nicht-Essen“ besitzt. Essen hat für diese Person schlicht eine geringere motivationale Bedeutung.

Körperliche Aktivität

Das Lebensmotiv Körperliche Aktivität beschreibt, wie stark ein Mensch das Bedürfnis nach Bewegung, körperlicher Betätigung und Fitness hat.

Menschen mit einer starken Ausprägung erleben Bewegung häufig als wichtige Kraftquelle. Sport, körperliche Aktivität und das Gefühl von Vitalität können wesentlich zu ihrem Wohlbefinden beitragen. Längere Phasen ohne Bewegung können dagegen eher Unruhe oder Unzufriedenheit auslösen.

Bei einer geringen Ausprägung stehen Bequemlichkeit, Entspannung und körperliche Ruhe stärker im Vordergrund. Körperliche Anstrengung wird weniger als Bedürfnis erlebt und möglicherweise eher als notwendiger Aufwand.

Kennen Sie das Gefühl, nach einem langen Tag unbedingt noch laufen, Rad fahren oder trainieren zu wollen? Oder bedeutet Erholung für Sie eher, körperlich zur Ruhe zu kommen und es sich bequem zu machen?

Ruhe

Das Lebensmotiv Ruhe beschreibt, wie stark ein Mensch das Bedürfnis nach Sicherheit, Verlässlichkeit und möglichst wenig Stress oder Risiko hat.

Menschen mit einer starken Ausprägung reagieren sensibler auf Gefahren, Unsicherheiten oder belastende Situationen. Sie wägen Risiken eher sorgfältig ab, bevorzugen vertraute und sichere Rahmenbedingungen und fühlen sich häufig wohler, wenn Belastungen überschaubar bleiben. Situationen mit hohem Druck, Ungewissheit oder Gefahrenpotenzial können sie entsprechend stärker beanspruchen. 

Bei einer geringen Ausprägung zeigt sich eher eine ausgeprägte Stress- und Risikotoleranz. Diese Menschen lassen sich häufig weniger schnell verunsichern, bewahren auch unter Druck eher einen kühlen Kopf und können sich von Abenteuer, Nervenkitzel oder herausfordernden Situationen angezogen fühlen. 

Das Motiv sagt nicht einfach aus, ob jemand „ruhig“ oder „unruhig“ ist. Entscheidend ist vielmehr, wie viel Sicherheit ein Mensch braucht und wie wohl er sich mit Unsicherheit, Risiko und Belastung fühlt.

Was Motivkombinationen über unser Erleben erklären können

Ein einzelnes Lebensmotiv erklärt immer nur einen Ausschnitt. Spannend wird das Reiss Motivation Profile v.a. dort, wo mehrere Motive zusammengedacht werden. Ihre Kombination kann Hinweise darauf geben, welche Aufgaben, Rahmenbedingungen oder zwischenmenschlichen Situationen wir als stimmig, anstrengend oder konfliktträchtig erleben.

Berufliche Orientierung und passende Rahmenbedingungen

ICON Berufliche Orientierung und passende Rahmenbedingungen

Das RMP kann dabei helfen, berufliche Entscheidungen nicht nur unter dem Gesichtspunkt von Qualifikation und Erfahrung zu betrachten, sondern auch danach zu fragen: Welche Rahmenbedingungen brauche ich, um mich langfristig wohlzufühlen?

So kann beispielsweise ein starkes Bedürfnis nach Unabhängigkeit für viel Entscheidungsspielraum sprechen, während ein starkes Ordnungsmotiv eher klare Strukturen und verlässliche Abläufe attraktiv machen kann. Ein ausgeprägtes Familienmotiv wiederum kann die Bedeutung planbarer Arbeitszeiten erhöhen.

Das RMP kann also helfen, persönliche Bedürfnisse mit Aufgaben, Unternehmenskultur und Arbeitsbedingungen abzugleichen.

Zusammenarbeit, Teamfähigkeit und Konflikte

ICON Zusammenarbeit, Teamfähigkeit und Konflikte

Auch in der Zusammenarbeit können Motivkombinationen erklären, warum Menschen dieselbe Situation sehr unterschiedlich erleben. Wer beispielsweise stark unabhängig ist, möchte Entscheidungen vielleicht lieber selbst treffen. Eine Person mit gering ausgeprägter Unabhängigkeit sucht dagegen eher Abstimmung und Einbindung.

Ähnliches gilt für Konflikte: Eine Kombination aus starkem Rachemotiv und geringer Anerkennung kann eher zu einer direkten und robusten Konfrontation führen. Ein starkes Anerkennungsmotiv zusammen mit geringer Rache kann dagegen ein ausgeprägtes Harmoniebedürfnis begünstigen und dazu führen, dass Auseinandersetzungen eher vermieden werden.

Wichtig bleibt auch hier die Grenze des Instruments: Das RMP misst keine Teamfähigkeit und keine Konfliktkompetenz. Es liefert vielmehr Hinweise darauf, welche Bedürfnisse und Spannungsfelder hinter bevorzugten Formen der Zusammenarbeit stehen können.

Stress und Resistenz

ICON Stress und Resilienz

Auch beim Umgang mit Belastung können Motive eine Rolle spielen. Im RMP-Kontext werden insbesondere Anerkennung und Ruhe gemeinsam betrachtet: Wer stark auf Kritik und mögliche Zurückweisung reagiert und zugleich ein hohes Bedürfnis nach Sicherheit und Stressvermeidung besitzt, kann belastende Situationen anders erleben als jemand, der Kritik leichter verarbeitet und mit Unsicherheit oder Risiko gut umgehen kann.

Mithilfe des persönlichen RMP-Profils lässt sich also gut reflektieren, welche Situationen mich besonders viel Kraft kosten und welche Rahmenbedingungen mir helfen, mit Belastung gut umzugehen?

Eigen- und Fremdwahrnehmung: Das Phänomen Self-Hugging

ICON Eigen- und Fremdwahrnehmung

Eine besonders interessante Anwendung des RMP betrifft die Art, wie wir andere Menschen beurteilen. Steven Reiss beschreibt die Tendenz, die eigenen Motive zum allgemeinen Maßstab zu machen, als „Self-Hugging“. Wir halten das, was uns selbst wichtig erscheint, schnell auch für vernünftig, wünschenswert oder selbstverständlich für andere.

Genau daraus können Missverständnisse entstehen. Ein sehr strukturierter Mensch versteht möglicherweise nicht, warum jemand ohne detaillierten Plan gut arbeiten kann. Eine stark gesellige Person kann Rückzug als Desinteresse deuten, während die andere Seite intensive soziale Kontakte schlicht schneller als anstrengend erlebt.

Problematisch wird es vor allem dann, wenn aus diesem Unverständnis eine Bewertung entsteht: „So wie ich es mache, ist es richtig – der andere müsste sich nur ändern.“ In den RMP-Unterlagen wird dieser Schritt als mögliche Form motivationaler Selbstbezogenheit beschrieben.

Gerade hier liegt ein wesentlicher Nutzen der Beschäftigung mit Lebensmotiven: Nicht nur sich selbst besser zu verstehen, sondern anzuerkennen, dass andere Menschen tatsächlich andere Bedürfnisse haben können – ohne dass eine Seite deshalb richtiger oder besser ist.

Zusammenfassung

Das Reiss Motivation Profile® bietet einen strukturierten Blick auf die Frage, was Menschen im Innersten antreibt. Im Mittelpunkt stehen 16 grundlegende Lebensmotive, die bei allen Menschen vorhanden sind, aber unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. Gerade diese individuelle Kombination macht verständlich, warum Menschen gleiche Situationen so unterschiedlich erleben, bewerten und gestalten.

Dabei ist wichtig, das RMP nicht als Etikett oder Schubladensystem zu verstehen. Ein Motivprofil sagt weder, was ein Mensch kann, noch wie er sich in jeder Situation verhalten wird. Es liefert vielmehr Hinweise darauf, welche Bedürfnisse besonders bedeutsam sind, welche Rahmenbedingungen Kraft geben können und wo mögliche Spannungen entstehen.

Für die Selbstreflexion kann das ausgesprochen hilfreich sein: Welche Aufgaben passen zu meinen Bedürfnissen? Welche Situationen kosten mich überdurchschnittlich viel Energie? Welche Erwartungen habe ich an Zusammenarbeit, Führung oder Beziehungen? Und wo neige ich vielleicht dazu, meine eigenen Motive zum Maßstab für andere zu machen?

Der eigentliche Wert des RMP liegt deshalb weniger in einzelnen Zahlen oder Ausprägungen als in den Fragen, die daraus entstehen. Je besser wir unsere eigenen Bedürfnisse verstehen, desto bewusster können wir Entscheidungen treffen, Rahmenbedingungen gestalten und Unterschiede zwischen Menschen akzeptieren.

Abschluss mit Video